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Erzählen in Storylines – eine Analyse zu „Good Bye, Lenin!“

Wusstet ihr, dass „Good Bye Lenin!“ (2003) der erfolgreichste neuere deutsche Film ist, der nicht von Otto, Bully Herbig oder Til Schweiger gemacht wurde? Welche Dramaturgie steckt hinter dieser Geschichte, die Publikum und Kritiker so begeisterte?

Im folgenden möchte ich zeigen, wie in „Good Bye Lenin!“ klares Storytelling – angewendet für jede Storyline der Geschichte – im gesamten eine virtuose Dramaturgie ergibt und welch großen praktischen Wert für das eigene Schreiben es haben kann, ein Drehbuch in seine einzelnen Erzählstränge aufzuflechten. Diese Art des Erzählens bedeutet, nicht nur mit einer Hauptfigur, einem Konflikt, einem Ziel oder einem Set an Wendepunkten zu arbeiten, sondern – im Fall von „Good Bye Lenin!“ – mit vier Storylines, die jeweils eine Hauptfigur, einen Konflikt, ein Need, ein Want, mehrere Wendungen sowie eine Erkenntnis erzählen.

„Good Bye Lenin!“ erzählt die Geschichte einer ostdeutschen Familie zur Wendezeit. Konkret geht es um den Umgang der einzelnen Familienmitglieder mit der Republikflucht des Vaters Richtung Westen vor vielen Jahren (Backstory) und vom Umgang der zurückgelassen Restfamilie mit dem Schicksalsschlag der Mutter, die nach einem schweren Herzinfarkt und einem mehrmonatigen Koma wieder erwacht.

Die Tragikomödie wird aus der Perspektive von Alex, seiner Schwester Ariane sowie seiner Mutter Christiane erzählt und entspinnt dementsprechend mehrere Storylines:

GoodByeLenin_4_Storylines

Zur Auffrischung hier der Trailer zum Film:


Alex will das Leben seiner Mutter retten

In der Haupt-Storyline verfolgt Alex das Ziel, das Leben seiner Mutter zu retten. Da jede Aufregung zu einem erneutem Infarkt führen könnte, muss sie absolut geschont werden. Deshalb spielt er ihr eine „heile“ sozialistische Welt vor. In der Grafik ist dieser Haupt-Bogen grün eingefärbt.

Zu Beginn ist Alex ein junger Mann, der zu Beginn zufrieden mit seinem Leben ist. Er geht also durchaus mit einer gewissen Fallhöhe in die Geschichte. Zu erkennen ist dies daran, dass die grüne Linie relativ weit oben einsetzt:

Das ändert sich für Alex schlagartig, als seine Mutter Christiane einen Herzinfarkt erleidet und erst Monate danach aus ihrem Koma erwacht. Der Arzt teilt Alex mit, dass seine Mutter schwerkrank ist und absolut geschont werden muss. Dieses auslösende Moment der Handlung lässt Alex’ Linie steil nach unten fallen:

Good Bye Lenin_Alex_PP1

Plötzlich ist Alex gefordert: Wie kann er seine Mutter von der ganzen Aufregung, die mit der Öffnung ihrer DDR verbunden ist, beschützen? – zumal seine Mutter eine regimetreue Sozialistin ist.

Alex fasst einen Plan, der wohl nur in einer Komödie ernstgenommen werden kann und Alex zum komischen Helden werden lässt: Er verheimlicht die politische Wende und deren tiefgreifende gesellschaftliche Folgen vor seiner Mutter und überredet auch seine Schwester Ariane sowie alle Bekannten, bei der Aufrechterhaltung der DDR innerhalb ihrer Plattenbauwohnung mitzuspielen. Alex hat nun ein Want: die „alte“, miefige DDR-Welt für seine Mutter zu bewahren. Und sein Plan funktioniert zunächst sogar: Seine Mutter Christiane glaubt ihm – und damit gelingt es Alex, seine Storyline am ersten Plot-Point ins Positive zu wenden:

Good Bye Lenin_Alex_Midpoint

Doch bei der Geburtstagsfeier seiner Mutter – am Midpoint der Geschichte – fliegt seine Inszenierung zum ersten Mal auf: Als Christiane aus dem Fenster blickt, sieht sie, wie gerade ein riesiges Coca-Cola-Banner aufgehängt wird. Die überdimensionale Werbung schiebt sich einfach in ihr Blickfeld, Alex kann den Einbruch der neuen Realität nur noch verhindern, indem er seine Mutter noch mehr von der Außenwelt abschirmt. Doch mit zunehmender Gesundung seiner Mutter werden ihre Ansprüche höher, ihr Wissens- und Bewegungsdrang größer. Für Alex wird es fortan immer schwieriger, sein sozialistisches Schmierentheater aufrechtzuerhalten – die Erzählkurve neigt sich nun also plötzlich nach unten:

Good Bye Lenin_Alex_PP2

Doch Alex folgt unbeirrt weiter seinem Want. (Für einen komischen Helden wie Alex ist es übrigens typisch, mit heiligem Ernst ein Ziel zu verfolgen, das objektiv gesehen völlig aussichtslos ist.)

Er scheut keine Mühen, um seiner Mutter die geliebten DDR-Spreewaldgurken zu besorgen. Sogar ihren Wunsch, die Nachrichten im Fernsehen zu sehen, erfüllt er ihr und dreht dafür mit seinem Freund Denis extra fingierte Ausgaben der „Aktuellen Kamera“.

Allerdings lässt sich Christiane nicht länger einsperren: Während Alex völlig übermüdet schläft und Christiane zum ersten Mal unbeaufsichtigt ist, verlässt sie aus eigener Kraft ihr Zimmer bzw. ihre Wohnung. Zum ersten Mal sieht sie, wie sich alles um sie herum verändert hat. Als die demontierte Lenin-Statue per Hubschrauber abtransportiert wird, schwant ihr, dass seit ihrem Erwachen etwas ganz und gar anders ist….

Eigentlich wäre der zweite Plot-Point somit ein Tiefpunkt. Doch dank eines grandiosen Einfalls (das gilt für Alex, aber auch für die Autoren), kann Alex auch diese Situation retten: Er deutet kurzerhand die Geschichte um, indem er die Maueröffnung als Triumph des Sozialismus’ über den kapitalistischen Westen darstellt: In seiner fingierten Nachrichtensendung lässt er die Wessis in die DDR strömen, was Christiane zu Tränen rührt. Damit gelingt Alex am zweiten Plot-Point doch noch eine Wendung zum Positiven:

Good Bye Lenin_Alex_Klimax

Alex ist nun wieder auf dem besten Weg, sein Ziel zu erreichen.

In der Klimax erleidet Christiane jedoch einen weiteren, schweren Herzinfarkt. Anders als ihren ersten Infarkt überlebt Christiane diesen nicht. Sein Want – das Leben seiner Mutter zu retten – hat Alex somit trotz all seiner wahnwitzigen Anstrengungen nicht erreicht:

Good Bye Lenin_Alex_ganz

Ihm wie auch dem Zuschauer bleibt also ein Happy End verwehrt – was diese Storyline betrifft.

Als Hauptfigur von „Good Bye Lenin!“ hat Alex jedoch insgesamt zwei Stränge in der Geschichte: Während man die Haupt-Storyline als seine „Wantline“ bezeichnen kann, durchlebt er auch eine „Needline“ in Form einer Liebesgeschichte:


Alex findet seine Liebe in Lara

Alex’ Need ist erwachsen zu werden und die ihm plötzlich offenstehende Welt mit all den aufregenden neuen Möglichkeiten zu erkunden. Damit ist Alex in dem dramatisch sehr wirkungsvollen Dilemma, dass sich sein Want und sein Need widersprechen. Denn sein Want verlangt von ihm, sich als Kind um das (Über-)Leben seiner Mutter zu kümmern, also aus Liebe zu seiner Mutter in der Welt seiner Kindheit zu bleiben. Seine innere Sehnsucht ist es aber, sein eigenes Leben zu leben.

Wie klassisch dieser Need-Strang gebaut ist, offenbaren die Wendepunkte dieses Erzählstrangs:

Good Bye Lenin_Lara

Ihren Anstoß erlebt die Storyline, als sich Alex und Lara auf einer politischen Demo begegnen. Am ersten Plot-Point werden sie zum Liebespaar, als sie sich am Krankenbett von Alex’ Mutter zum ersten Mal küssen. Am Midpoint verbringen ihre erste gemeinsame Nacht miteinander – in einer der nun leerstehenden Ost-Wohnungen.
Bei der Geburtstagfeier von Alex‘ Mutter Christiane gerät das junge Paar dann in seine erste Krise: Lara wirft Alex vor, dass er sich mit seinen ganzen Lügen verantwortungslos verhält, was strukturell der zweite Plot-Point des Strangs ist. Die Klimax vollzieht sich schließlich, als Alex von seiner Mutter die Wahrheit über seinen Vater erfährt und Lara ihm Halt gibt. Dem HappyEnd der Lovestory steht nichts mehr im Wege.

Wenn man die beiden Stränge von Alex miteinander vergleicht, fällt auf, dass die drei großen Wendepunkte seiner Wantline direkt mit den drei großen Wendepunkten seiner Needline zusammenfallen. Dadurch verknüpfen sich beide Storylines miteinander. Am Schluss „siegt“ Alex‘ Need (sein eigenes Leben in die Hand nehmen) über sein Want (das Leben seiner Mutter retten):

Good Bye Lenin-Alex+Lara

Außerdem ist schön zu erkennen, dass die rote Needline bis zu ihrem zweiten Plot-Point viel flacher und geradliniger verläuft als die grüne Wantline. Im Prinzip geht die Needline bis zu ihrem zweiten Plot-Point nur stetig aufwärts. Mit anderen Worten bedeutet das, dass der Liebes-Strang über eine weite Strecke ohne jede Wendung verläuft. Mit dem Streit zwischen Alex und Lara auf Christianes Geburtstagsfeier kommt es dann endlich zum Richtungswechsel der Storyline. Allerdings wird dieser Konflikt nur noch in einer weiteren Szene dieses Strangs aufgegriffen, jedoch nicht weiter vertieft. Dieser erzählerische Mangel ist sicher eine gute Erklärung dafür, dass die Liebesgeschichte in „Good Bye, Lenin!“ eher als schwach bzw. dürftig in Erinnerung bleibt.


Alex‘ Mutter Christiane muss sich ihrer Lebenslüge stellen

Alex’ Mutter ist die zweite Hauptfigur in „Good Bye, Lenin!“. In ihrer Storyline muss sich Christiane ihrer verdrängten Lebenslüge stellen. Das „muss“ drückt bereits aus, dass sich bei ihr – wie auch bei Alex – Want und Need anfangs widersprechen.

Christianes Lebenslüge besteht darin, dass sie ihren Kindern erzählt hat, ihr Vater hätte sich wegen einer anderen Frau in den Westen abgesetzt und hätte seine Familie einfach zurückgelassen. In Wahrheit hatten sie und ihr Mann geplant, dass Christiane mit den Kindern einen Ausreiseantrag stellt und Robert nach West-Deutschland nachfolgt. Aus Angst, die Stasi könnte ihr ihre Kinder wegnehmen, blieb sie aber in der DDR. Nach einer schweren Depression begann sie, sich für den Sozialismus zu engagieren und das Vergangene zu verdrängen. Soweit ihre Backstory.

Good Bye Lenin_Christiane

Christiane ist stolz darauf, dass sie von der Partei für ihren sozialistischen Einsatz ausgezeichnet werden soll, was ihre Fallhöhe zu Beginn der Geschichte etabliert. Just als sie auf dem Weg zum Festakt ist, entdeckt sie Alex, der an einer parallel stattfindenden Demo von Staatskritikern teilnimmt (auf der Alex auch Lara kennenlernt). Dass ihr eigener Sohn gegen den DDR-Sozialismus demonstriert, schockiert Christiane so sehr, dass sie einen Herzinfarkt erleidet. Damit ist ihre Storyline angestoßen.

Die nächsten acht Monate verbringt Christiane im Koma, so dass sie vom Mauerfall und der Auflösung der DDR nichts mitbekommt. Als sie schließlich aus dem Koma erwacht, spielt Alex ihr vor, dass alles unverändert ist. Er will unbedingt vermeiden, dass sich Christiane erneut so aufregt, was in ihrem Zustand lebensbedrohlich wäre. Psychologisch sehr interessant ist nun, dass sich Christiane von Alex‘ Inszenierung nur allzu bereitwillig täuschen lässt, was die komische Prämisse überhaupt erst ermöglicht. Alex‘ Want, seiner Mutter eine Lüge vorzuspielen, deckt sich also exakt mit Christianes Want, ihre Lebenslüge aufrechtzuerhalten. Dies erklärt, warum sie das seltsame Verhalten ihres Sohnes nicht hinterfragt, als dieser sie wieder nach Hause holt (erster Plot-Point).

Als Christiane jedoch am Midpoint ihrer Storyline erstmals ihr Zimmer und ihre Wohnung verlässt, erkennt sie ihre Gegend kaum wieder. Sie kann ihre Augen nicht länger vor der Realität verschließen, vor allem, als die Lenin-Statue an ihr vorbeifliegt. Ihre Lebenslüge droht nun wie die DDR in sich zusammenzufallen – und damit auch ihr Want: die Linie fällt also steil nach unten.

In den folgenden Szenen setzt ein innerlicher Umdenkungsprozess bei Christiane ein: Dramaturgisch gesprochen lässt Christiane von ihrem alten Want ab und macht stattdessen ihr Need zu ihrem neuen Want. Sie definiert ihr Ziel also selbst um und stellt sich nun aktiv der Wahrheit:

GoodByeLenin_Christiane

Dies wird offenbar, als sie am zweiten Plot-Point ihrer Storyline ihr jahrzehntelang gehütetes Geheimnis preisgibt und ihren Kindern Alex und Ariane gesteht, dass sie und ihr Mann Robert eine gemeinsame Ausreise geplant hatten. Für Christiane bedeutet diese Offenbarung einen großen Schritt hin zu ihrem neuen Lebensziel.

Die Beschäftigung mit ihrem innersten Bedürfnis wühlt Christiane jedoch so auf, dass sie plötzlich wieder ins Krankenhaus eingeliefert werden muss. Trotz ihres schlechten Zustands stellt sich sie sogar einem Wiedersehen mit Robert, der sie an ihrem Krankenbett besucht. Obwohl die Szene, die Christianes Klimax darstellt, im OFF des Films liegt, wird klar, dass sich damit ihr Need, das zugleich zu ihrem Want geworden ist, erfüllt hat.

Wenige Tage später stirbt Christiane an ihrem zweiten Infarkt. Und trotzdem hat ihre Storyline ein HappyEnd: Christiane hat es noch rechtzeitig geschafft, ihre Familie um Verzeihung zu bitten und kann nun – mit sich im Reinen – gehen.

Wie für eine Tragikomödie charakteristisch, werden in „Good Bye, Lenin!“ im Kern sehr ernste Themen verhandelt. Das gilt nicht nur für Christianes Geschichte, sondern auch für Arianes Erzählstrang:


Alex‘ Schwester Ariane will sich ein eigenes Leben mit ihrer eigenen Familie aufbauen

Auch Alex’ Schwester Ariane verfolgt ihr eigenes Ziel und hat somit eine eigene Storyline: Sie will sich ein eigenes Leben mit ihrer eigenen Familie aufbauen.

Ariane sehnt sich nach einer „vollständigen“ Familie. Der Verlust ihres Vaters, der noch vor der erzählten Handlung liegt, ist Arianes Wunde und gleichzeitig der Anstoß ihrer Storyline.
Ariane versucht (unbewusst), die Abwesenheit ihres Vaters zu kompensieren, indem sie eine eigene Familie gründet. Nicht zufällig haben sich die Autoren Bernd Lichtenberg und Wolfgang Becker dafür entschieden, dass Ariane bereits ein Kind hat. (Details wie diese, die den Charakter bereichern, fallen einem ein, wenn man sich die Storyline jeder Figur bewusst macht.) Offenbar hatte sich Arianes Traum von einer eigenen, „vollständigen“ Familie samt Partner bei ihrem ersten Versuch noch nicht erfüllt. Ihre Konfliktlinie liegt also zwischen ihrer alten und der ersehnten neuen Familie.

Good Bye Lenin-Arianes Storyline

Am ersten Plot-Point ihrer Storyline lernt Ariane den „Wessi“ Rainer kennen. Rainer wird Arianes neuer Freund und beide schmieden sofort Familienpläne mit eigener Wohnung, Baby etc. Arianes Linie geht nach oben.

Doch am Midpoint begegnet sie zufällig ihrem Vater, ohne dass dieser sie erkennt. Ariane muss sich wieder mit ihrer alten Wunde auseinandersetzen. Wir ahnen, dass ihr verborgenes Need darin liegt, endlich die so lange vermisste Liebe ihres Vaters zu spüren. Das Aufflammen ihres Needs lässt ihren Wunsch nach ihrer eigenen Familie zunächst einmal in den Hintergrund rücken.

Dies ändert sich wieder, als sie am zweiten Plot-Point erfährt, dass sie schwanger ist und zusammen mit Rainer ihr zweites Kind erwartet. Damit steht Ariane kurz vor ihrem Ziel, eine eigene Familie zu haben.

Ganz zum Schluss holt sie ihr Kindheitstrauma aber noch einmal ein: Als sie ihren Vater im Krankenhaus sieht (Klimax), flüchtet sie vor ihm. Wie in der Grafik zu sehen ist, endet Arianes Storyline mit dieser Szene vorzeitig. Die Frage, ob es ihr gelingt, ihren Schmerz mit Hilfe ihrer eigenen Familie zu überwinden und sich weiterzuentwickeln, bleibt damit unbeantwortet. Denn um wirklich glücklich werden zu können, müsste sie eigentlich zuerst ihr (neues) Verhältnis zu ihrem Vater klären: Ihre ganze Wut auf ihn, die sie seit ihrer Kindheit aufgebaut hat, beruht nämlich – wie sie jetzt weiß – auf der Lüge ihrer Mutter. Der Vorwurf an ihren Vater, er sei einfach abgehauen und hätte seine Familie verlassen, löst sich plötzlich in Luft auf. Stattdessen wird Ariane jetzt gezwungen, ihren Vater erstmals nicht mit den Augen ihrer Mutter zu sehen, sondern mit ihren eigenen. An dieser Herausforderung, die auch ein Coming of Age beinhaltet, scheitert sie erst einmal bzw. sie lässt die Möglichkeit, sich mit ihrem Vater auszusprechen, erstmal verstreichen.

An dieser Stelle kann man mutmaßen, warum die Autoren diesen Strang (absichtlich oder unabsichtlich) nicht richtig zuende geführt haben (z.B. durch eine Andeutung, wie sich die Beziehung zwischen Ariane und ihrem Vater nach dem Ende des Films weiterentwickeln könnte). Vielleicht gab es im Drehbuch ja auch eine Schlussszene dieses Strangs, die es aber – aus welchen Gründen auch immer – nicht in den (fertigen) Film geschafft hat.


Die unrealisierte Storyline: Alex‘ Freund Denis sucht Anerkennung als Filmregisseur

Auch Alex’ Freund Denis verfolgt sein eigenes Ziel in „Good Bye, Lenin!“: Er will als Filmregisseur anerkannt werden. Im Unterschied zu den vier Storylines der Geschichte hat Denis’ Geschichte aber keinen Bogen, da sie keine wirklichen Wendungen hat und die Figur des Denis’ keine Entwicklung durchmacht.

Good Bye Lenin_Denis

Warum also haben sich die Autoren wohl dazu entschieden, diese Storyline nicht zu dramatisieren?
Ich denke, der Grund liegt darin, dass Denis nicht Teil der Familie Kerner ist und sein Ziel nicht mit den Zielen von Alex, Christiane und Ariane verbunden ist.

Die wichtigste Funktion des Denis-Strangs besteht vielmehr im Comic Relief, der einen entscheidenden Beitrag zum Genre-definierenden komischen Erzählton liefert.


Zusammenspiel der Storylines

Insgesamt sind alle Stränge thematisch miteinander verflochten und wirken sich aufeinander aus. Alle Storylines erzählen, wie Alex, Christiane und Ariane jeweils versuchen, den Fortgang von Robert, ihrem Vater bzw. Mann, zu bewältigen. Dabei beginnt jede Figur die Geschichte mit einer ähnlich hohen Fallhöhe.

GoodByeLenin_alle_Storylines

Die Schnittpunkte der Stränge sind die Schlüsselszenen des Films. In diesen Szenen fallen die Wendepunkte verschiedener Storylines zusammen:
Beispielsweise vereint die Szene der politischen Demo die auslösenden Momente von Alex’ Needline (er und Lara lernen sich kennen) sowie Christianes Storyline (sie erleidet einen Herzinfarkt).
In der Szene an Christianes Krankenbett küssen sich Alex und Lara zum ersten Mal (werden also zum Liebespaar) und im selben Moment erwacht Christiane aus ihrem monatelangen Koma.
Und am strukturellen Mittelpunkt der Geschichte, in der Szene, in der Christianes Geburtstagsfeier erzählt wird, beginnt Christianes Gesundung Alex zu überfordern (Alex’ Wantline) und gleichzeitig geraten Lara und Alex in eine Beziehungskrise (Alex’ Needline).


Was sagt die Grafik über die Gesamt-Dramaturgie von „Good Bye, Lenin!“ aus?

Zunächst einmal ist deutlich zu erkennen, dass der erste Akt überproportional lange ist: Christiane liegt acht Monate lang im Koma. Während dieser Zeit passieren große gesellschaftliche Umwälzungen, auch Alex‘ Leben verändert sich. Dies alles braucht Erzählzeit. Ab der strukturellen Mitte der Gesamtstory bzw. des Films kommt es dann zu einer sichtbaren Dramatisierung der Handlung:

GoodByeLenin_3_Storylines

Eine große erzählerische Qualität von „Good Bye, Lenin!“ liegt sicherlich darin, dass nicht nur der Alex‘ Hauptplot, sondern auch die beiden Nebenstränge ‚Christiane‘ und ‚Ariane‘, jeweils ein Want und ein Need aufweisen. Zudem stehen in allen drei Storylines Want und Need in Konflikt zueinander, was die Figuren in ihre Dilemmata bringt.

Auffällig ist dabei, dass sich in diesen drei zentralen Strängen der Anstoß und der erste Plot-Point jeweils gegenseitig „widersprechen“: Während alle Anstöße negativ sind, also die Erzählkurven nach unten fallen lassen, wenden sämtliche erste Plot-Points die Stränge wieder ins Positive. Dies ist relativ ungewöhnlich, da der Anstoß normalerweise den ersten Plot-Point vorbereitet, also bereits vorgibt, ob die Handlung im Folgenden fällt oder steigt.

In „Good Bye, Lenin!“ wird also anfangs ein Konflikt etabliert, der jedoch nicht eskaliert, da er bereits mit der Wendung der gesamten Geschichte ins Positive wieder aufgefangen wird. Der Zuschauer gewinnt somit den Eindruck, jede Figur hätte ihr jeweiliges Problem schon mit dem ersten Plot-Point, der alles wieder ins Lot bringt, im Griff.

Dies ändert sich jedoch mit den Midpoints: Denn alle drei Midpoints wenden die Storylines nun quasi „verspätet“ ins Negative. Sie holen gewissermaßen das nach, was die ersten Plot-Points „versäumt“ haben und übernehmen damit deren eigentliche Funktion, nämlich die Handlung zu dramatisieren.

Diese eigenwillige Dramaturgie ist wohl dem Genre von „Good Bye, Lenin!“, der Tragikomödie bzw. dramatischen Komödie, geschuldet: Um in der ersten Hälfte der Geschichte eine komische Leichtigkeit bzw. einen Feelgood-Faktor zu etablieren, wird die angestoßene Dramatik zunächst von den positiven ersten Plot-Points wieder relativiert. Erst ab der zweiten Hälfte wechselt die Geschichte zu einem existenziell-emotionalen Erzählton, der bis zum Ende des Films anhält.

Insgesamt – Alex‘ Needline mit eingeschlossen – stehen sich dabei zwei Happy Endings und zwei schlechte Enden gegenüber. Dies führt für jede der drei Hauptfiguren zu einem ambivalenten Ende, das vom Zuschauer als wahrhaftig und emotional sehr befriedigend wahrgenommen wird:
Alex schafft es trotz seines fast übermenschlichen Einsatzes für seine Mutter nicht, ihr Leben zu retten. Er wird jedoch dabei erwachsen und findet seine Liebe in Lara. Christiane erliegt zwar ihrem Herzinfarkt, doch dafür konnte sie sich noch mit ihrem Mann versöhnen und mit sich ins Reine kommen. Und Ariane kann ihrem Vater zwar (noch) nicht verzeihen. Aber sie hat nun ihre eigene Familie.

Seine überwältigende Rezeption verdankt „Good Bye, Lenin!“ somit einer Dramaturgie, die die Geschichte einer Familie aus den verschiedenen Perspektiven von Sohn, Mutter und Tochter erzählt. Die daraus entstehenden Storylines verbinden drei Hauptfiguren, mehrere Nebenfiguren, insgesamt 20 Wendepunkte und vier Enden zu einer Story.

2 Responses to Erzählen in Storylines – eine Analyse zu „Good Bye, Lenin!“

  1. Charlie Anderson 8. September 2017 at 10:15 #

    Aha, ich dachte schon, eine Geschichte besteht doch nicht nur aus zwei Wendepunkten und der Klimax. Kann ich bei Dramaqueen beliebig viele Wendepunkte setzen?

    • DramaQueen 9. September 2017 at 10:02 #

      5 Wendepunkte pro Storyline bei beliebig vielen Storylines.

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