Topmenü

Genre

Genre

Genrebrille
Ein Genre beruht auf einer Sammlung von Geschichten, die dadurch verbunden sind, dass sie bestimmte Konventionen bündeln. Genrefilme sind standardisierte Geschichten, die sich über bestimmte Stoffe, Themen, Handlungsmuster, Figuren oder Schauplätze definieren. Sie entstehen durch Bezugnahme auf bereits bestehende Filme, die neu interpretiert, variiert, zitiert oder reproduziert werden. Sie entsprechen dem Bedürfnis nach Klassifizierung und dienen als „Label“ eines Films dazu, eine bestimmte Erwartungshaltung beim Zuschauer aufzubauen.

Über seine Etikettierungsfunktion hinaus verkörpert jedes Genre aber auch eine bestimmte Lebenshaltung:

  • Das Drama steht für das Leben als stetigen Kampf.
  • Im Melodram schlägt das Schicksal willkürlich zu.
  • Die Tragödie lässt den Helden daran zugrunde gehen, dass er gegen das göttliche Walten bzw. das herrschende System aufbegehrt.
  • Die Komödie will unterschiedliche Wertesysteme in ihrer jeweiligen Einseitigkeit entlarven.
  • Die Tragikomödie pocht auf die Unantastbarkeit der Menschenwürde in einer grotesken Welt und setzt damit ein Zeichen der Hoffnung und Versöhnung.
  • Die romantische Komödie glaubt an den Sieg der Liebe über alle Hindernisse und soziale Barrieren.
  • Das Road-Movie begreift das Leben als Reise.
  • Der Western ist Ausdruck der menschlichen Sehnsucht nach neuem Lebensraum und einer neuen gesellschaftlichen Ordnung.
  • Das Buddy-Movie feiert die Kraft der Freundschaft gegen alle Widerstände.
  • Der Thriller führt die Fragilität des menschlichen Lebens vor Augen, das stets am seidenen Faden hängt.
  • Der Horrorfilm stellt die Rationalität des menschlichen Daseins in Frage.
  • Der epische Film thematisiert das Gefangensein des Menschen in Strukturen und Zuständen.

Mit der Entscheidung für ein Genre drückt die Autorin also auch immer eine bestimmte Sicht auf die Welt aus. Denn in Genrefilmen geht es weniger um das ‚Was‘, also den Inhalt, und mehr um das ‚Wie‘, die Ausführung. Eine Geschichte lässt sich also prinzipiell in verschiedenen Genres erzählen. Stoffentwicklung bei Genres bedeutet demnach einen Balanceakt zwischen struktureller Clusterbildung, Typisierung von Figuren, stilistischer Raffinesse sowie Originalität in den inhaltlichen Details.

Von Gattungen zu Sub-Genres ^

Die beiden „Ur-Genres“ sind die Gattungen Tragödie und Komödie. In der Antike waren sie Ausdruck der Weltanschauung, dass der einzelne Mensch den Göttern in schicksalshafter Weise ausgeliefert ist und zwangsläufig zum Untergang verurteilt ist, wenn er sich gegen das göttliche Wertesystem wendet.
Im Medium Film stellen das Drama und die Komödie die beiden Grundgattungen dar. Das Drama trat – infolge einer seit der Aufklärung veränderten gesellschaftlichen Weltsicht – an die Stelle der Tragödie. Denn in der Moderne gelten Individuen nicht mehr als determiniert, sondern als eigenverantwortlich und selbstbestimmt.
Aus den Gattungen bildeten sich in der historischen Entwicklung Genres heraus, so dass es heute eine Vielzahl an Genres gibt. Dabei besteht das Problem der Genreunterteilungen darin, dass ihren Bezeichnungen keine einheitlichen Kriterien zugrunde liegen: Genres können sich über inhaltliche, stilistische oder dramaturgische Merkmale definieren, die sich sich auf den Stoff, den Ort, die Zeit, die Figuren(beziehungen), den Erzählton oder die Weltsicht des Films beziehen können.

Im Hollywood-Kino, das dem Genre eine größere Bedeutung zuweist als das europäische Kino, entwickelte sich trotz der damit verbundenen Abgrenzungsproblematik ein Genre-System, das die Zuordnung zu einem Genre mehr oder weniger vorschreibt. Genres ermöglichen es nämlich, einen Film genau zu kategorisieren. Damit ist es zum einen möglich, ihn für den Zuschauer einschätzbar zu machen und zum anderen, an einen erfolgreichen Film anzuknüpfen. Daher besteht das Genre-System aus einer sehr großen Anzahl von Genres und Untergenres, das sich analog zum Zeitgeist und den jeweiligen filmischen Moden immer weiter entwickelt und aufsplittet, um so die Zielgruppen möglichst genau definieren und auch den ökonomischen Erfolg im Voraus berechnen zu können. Dementsprechend sind auch Werbung und Marketing stark vom Genre beeinflusst und schneiden ihre Strategien und Kampagnen speziell auf das Genre zu. Ein Genre funktioniert letztendlich wie ein Vertrag zwischen Filmemacher und Zuschauer. Dieser Vertrag besagt, salopp formuliert, folgendes: ‚Wir Filmemacher versprechen euch, dass ihr das bekommt, was ihr sehen wollt, und ihr Zuschauer versprecht uns, dass ihr in den Film geht.‘ Gerade hier liegt aber auch die Chance, mit der Erwartungshaltung eines Genres zu spielen bzw. es bewusst zu brechen.
Gegenwärtig ist oftmals von einer Tendenz zum Multigenre, Genremix oder Genre-Synkretismus zu hören, wenn Filme Mischformen mehrerer Genres bilden. Filme, die heutzutage ein Genre zu hundert Prozent erfüllen, laufen dagegen Gefahr, anachronistisch zu wirken.

Letztendlich bedeutet die Kombination der Merkmale mehrerer Genres in einem Film aber nichts anderes als die kontinuierliche Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung des Genre-Systems: Bildeten sich zuerst aus Gattungen Genres heraus und anschließend aus Genres Subgenres, so werden Subgenres nun eben zu „Sub-Subgenres“. Dabei ist dieser prozesshafte Charakter bereits immanent. Denn Genre-Bildung stellt per se eine dynamische, niemals abgeschlossene Entwicklung dar, da sich Genres immer nur aus ihrem eigenen, stets wachsenden Filmkanon heraus definieren. Zwar kann sich ein Genre zunehmend manifestieren, letztendlich fehlt ihm jedoch immer eine fixe Bezugsgröße.

Komödie ^

Die Komödie definiert sich weniger über die Struktur als das Drama und ist daher variabler und formenreicher. Das ‚Wie‘ (die Art) ist wichtiger als das ‚Was‘ (der Inhalt). Prinzipiell kann die Komödie die gleichen Konflikte wie das Drama austragen. Der Unterschied ist jedoch, dass sie eine andere Haltung dazu einnimmt. Um ihre komische Wirkung erzielen zu können, wählt sie eine andere Entwicklung und Lösung der Konflikte und geht dabei in Distanz zu den Figuren. In vielen Fällen verfügt sie über eine flache dramatische (geschlossene) Makrostruktur und eine offene Mikrostruktur, die aus einer Reihung von Gags besteht. Die Wirkungsintention der Komödie besteht also nicht primär darin, einen großen Erzählbogen zu spannen, der sich am Ende des Films schließt, sondern den Zuschauer in einer Reihung zahlreicher komischer Situationen und Episoden zum Lachen zu bringen.
In der komischen Grundkonstellation prallen zwei verschiedene, einander ausschließende Wertesysteme aufeinander. Zunächst provoziert der Protagonist eine Verletzung des Bestehenden. Dies versetzt ihn in eine unerträgliche Situation, in der sein subjektiver Glücksanspruch im Widerspruch zum Etablierten steht. Dabei wird jedes der beiden Wertesysteme durch das andere in seiner Einseitigkeit kenntlich gemacht und entlarvt.

Dramatische Komödie ^

Die dramatische Komödie besitzt wie das Drama eine dramatische Struktur, wählt dabei aber einen vorwiegend komischen Erzählton.

Tragikomödie ^

In der Tragikomödie vermischen sich heitere, komische, dramatische, melancholische und tragische Momente. Die dialektische Spannung aus Lachen und Weinen, Empathie und Distanz bewirkt ein Wechselbad der Gefühle sowie eine Katharsis.
Die Wirkungsintention der Tragikomödie besteht darin, sich in das Leid der Figuren einzufühlen, um dann den Blick auf die dafür verantwortlichen grotesken sozialen Umstände zu öffnen. In ihrer Darstellung der Menschenwürde als unantastbares Gut vermittelt sie dem Zuschauer Hoffnung und spendet Trost.

Der Gegensatz von Tragik und Komik kann in der Tragikomödie entweder in einem Neben- und Gegeneinander kontrastiert oder zu einem identischen Miteinander verschmolzen werden. In der Synthese des „Lachens im Weinens“ verstärken sich komische und tragische Wirkungen gegenseitig: Einfühlung und Distanz erfolgen im permanenten Wechsel bis hin zur paradoxen Gleichzeitigkeit, in der sie sich nicht mehr voneinander trennen lassen.
Im Unterschied zur Komödie erfordert die Tragikomödie eine vertiefte Figurencharakterisierung, da sich Tragik nur beim Charakter einer schuldlos schuldigen Figur in Verbindung mit einem gesellschaftlich substantiellen Konflikt einstellt.

Episodenfilm ^

Im Episodenfilm besitzen die einzelnen Handlungsstränge (Storyline) einen hohen Grad an Autonomie. Im Prinzip besteht die Geschichte aus mehreren Einzelgeschichten, die mehr oder weniger gleichrangig sind und jeweils eigene Hauptfiguren haben. Eine der Episodenhauptfiguren nimmt jedoch eine etwas herausgehobene Stellung innerhalb des Films an. Diese nennt man die heimliche Hauptfigur des Films.

Die einzelnen Episoden werden durch das Thema, die Motive, Figuren, Schauplätze oder die Zeit in einen gemeinsamen Zusammenhang gebracht und verdichtet. Durch die thematische Einheit wird gewährleistet, dass alle Episoden Variationen des gleichen Themas darstellen und die Episodenhauptfiguren durch ein gemeinsames Need miteinander verbunden sind.

Figuren können in mehreren Episoden eine Rolle spielen und damit zusätzliche Querverbindungen schaffen. Beispielsweise kann der Protagonist einer Episode der Antagonist einer anderer Episode sein. Figuren aus unterschiedlichen Episoden können aber auch nur ihre Wege kreuzen oder kurze Cameo-Auftritte in einer anderen Episode absolvieren. Dabei müssen diese figuralen Überschneidungen keine Folgen für die Handlung haben.
Im Gegensatz dazu kann die Handlung einer Episode den Fortgang einer anderen Episode auch entscheidend beeinflussen, ohne dass dabei die Figuren außerhalb ihrer Episode miteinander in Berührung kommen müssen. Eine weitere Erzähltechnik besteht darin, ein Schlüsselereignis für alle Episoden zu schaffen, das im Laufe des Films aus den unterschiedlichen Perspektiven der einzelnen Episoden dargestellt wird.
Insgesamt geschehen die Interferenzen von Handlungen, Figuren, Orten und Zeiten nicht selten nach dem Prinzip Zufall, um einer Geschichte eine schicksalshafte Dimension zu verleihen.

Die Verknüpfung der Episoden kann entweder zeitlich nacheinander oder parallel in zeitlicher Verdichtung erfolgen. Im Fall einer Parallelmontage empfiehlt es sich, die Episoden immer nach einem Wendepunkt zu wechseln, da durch den daraus resultierenden Cliffhanger Spannung erzeugt werden kann. Damit kann auch der Gefahr des Episodenfilms entgegengewirkt werden, dass die Geschichte durch ihre Aufsplittung in Episoden zu wenig Vorwärtsdrang entwickelt.
Durch seine Episoden besitzt der Episodenfilm eine offene Struktur, auch wenn die einzelnen Storylines einer geschlossenen Dramaturgie folgen.

Further ReadingLiteraturempfehlungen
  • Kinder, Ralf; Wieck, Thomas: Zum Schreien komisch, zum Heulen schön. Die Macht des Filmgenres. Köln 2001.
  • Thau, Martin: Genre-Führer. Kindle-Edition, 2012.
  • Thau, Martin / DrehbuchWerkstatt München: Genres Themen Töne. Sonderdruck. München 2002.
  • Truby, John: The Anatomy of Genres: How Story Forms Explain the Way the World Works. New York 2022.

5 Responses to Genre

  1. s 11. Januar 2013 at 15:23 #

    arbeite gerade an einer romcom und wollte anregen, dieses untergenre mit aufzunehmen. habe eine sehr schöne und knappe zusammenfassung gefunden, die ich euch gern mailen kann.

    • evi 14. Januar 2013 at 11:54 #

      Wir möchten DramaQueen perspektivisch speziell für die einzelnen Genres erweitern, also etwa verschiedene Storytelling-Guidances je nach Genre als Plug-Ins anbieten. (In nächster Zeit werden wir aber leider noch nicht dazu kommen, da wir zuvor noch „dringlichere“ Features umsetzen möchten.) In dem Zusammenhang werden wir dann auch das DramaWiki nach und nach um die einzelnen Untergenres, wie z.B. die Romcom ergänzen. Deshalb wären wir natürlich an Ihrer Artikelempfehlung sehr interessiert und würden uns darüber freuen, wenn Sie uns den Text zumailen könnten. Außerdem wäre es super, wenn Sie die Quellenangaben des Artikels für alle anderen Interessierten schon mal posten könnten!

      • s 14. Januar 2013 at 14:02 #

        Benke, Dagmar / Routh, Christian: Script Development.
        Im Team zum guten Drehbuch. Konstanz 2006 – UVK Verlagsgesellschaft.

        s.221-223 Romantic Comedy

        kurz und knapp, kann ich sehr empfehlen

  2. Stefan 21. Februar 2015 at 20:52 #

    Gilt das auch für den Thriller? Wird es dafür auch einen Storytelling Guide geben?

    • evi 23. Februar 2015 at 15:16 #

      Ja, ein Guide für Thriller ist auch angedacht.