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Narrative Einheiten

Narrative Einheiten

Akt&Co.
Die narrativen Einheiten bilden die Statik eines Films. Sie tragen nicht nur den Erzählbogen des gesamten Films, sondern in ihnen vollziehen sich auch alle seine Mikro-Erzählbögen. Dabei sind auf szenischer Ebene die gleichen dramaturgischen Prinzipien wirksam wie im Gesamten.

Akt ^

In der geschlossenen Filmdramaturgie besteht ein Film – auf seiner grundlegendsten Ebene – aus drei Akten. Diese strukturieren die Geschichte in Anfang, Mitte und Schluss bzw. Exposition, Durchführung und Auflösung, wobei der zweite Akt etwa doppelt so lang ist wie Akt 1 und Akt 3. Die Akte werden jeweils durch die beiden Plot-Points voneinander getrennt. Anstoß, Midpoint und Klimax unterteilen die drei Akte jeweils in zwei Hälften.

Aber nicht nur die Makrostruktur einer Geschichte kann in Akte gegliedert werden: Auch Storylines, Szenen und sogar Situationen lassen sich in Akte unterteilen.

Step ^

Unter Step wird entweder ein Handlungsschritt der Geschichte (Action-Step) oder eine Struktureinheit (Story-Step) verstanden. Im Entwicklungsprozess wird eine Story oder Storyline oft in Steps unterteilt. Auf diese Weise entsteht ein Handlungsabriss bzw. eine Plot-Outline. Jeder Step bringt die Handlung voran und beantwortet jeweils die Frage, was in der Geschichte als Nächstes passiert. Der Step stellt also eine Etappe des Films dar, er kann eine Episode, Sequenz oder Szene sein. Oft sind auch die Kapitel-Einteilungen auf DVDs in Steps unterteilt.

Sequenz ^

Eine Sequenz ist eine Bündelung von inhaltlich oder thematisch zusammenhängenden Szenen, die als Ganzes einen dramatischen Bogen vollziehen. Sie können ein Ereignis, eine bestimmte Zeitspanne, eine Figur oder eine Figurenbeziehung in den Mittelpunkt stellen.

Szene ^

Als durchgehend ablaufende Handlungseinheit folgt die Szene den Einheiten von Zeit und Handlung. Eine Szene findet also innerhalb eines Schauplatzes und ohne Zeitunterbrechung statt. Sie kann entweder einen geschlossenen dramatischen Bogen beinhalten, dessen Aufbau und Wendungen der Makrostruktur entspricht, oder als sogenannter ‚Bit‘ lediglich eine kurze Informationseinheit darstellen. Durch das Momentum werden Szenen dynamisch miteinander verknüpft.
Eine Szene setzt sich aus Situationen zusammen, die wiederum aus mehreren Vorgängen bestehen. Sie besitzt eine eigene Hauptfigur, die in der Szene ein Ziel verfolgt. Diese muss nicht mit der Hauptfigur des gesamten Films übereinstimmen.
Während im Treatment die einzelnen Szenen konzipiert werden, werden sie im Drehbuch vollständig ausformuliert. Diesen Prozess nennt man szenisches Schreiben.

Es gibt verschiedene Kategorien von Szenen:

  • Funktionsszenen dienen dem Transport von Informationen oder dem Verständnis der Handlung. Sie erhalten ihre Bedeutung durch den Kontext, in dem sie stehen.
  • Atmosphärische Szenen sind dagegen weitgehend befreit von funktionalen Zwängen und besitzen dafür einen hohen autonomen Ausdruckswert. Sie variieren und vertiefen eine Geschichte auf thematischer Ebene, ohne die Geschichte hinsichtlich ihrer Handlung vorwärts zu bringen.
  • Pendantszenen spiegeln andere Szenen, die meistens einer anderen Storyline angehören.
  • Entscheidungsszenen sind handlungsbetonte Szenen, deren Ausgang die weitere Entwicklung bestimmt.
  • Vorbereitende Szenen sind Szenen, die die Voraussetzungen für ein späteres wichtiges Handlungselement, z.B. ein Ereignis, eine Entscheidung, eine Wendung, eine Enthüllung oder Entdeckung setzen.
  • Nachwirkende Szenen folgen meist Entscheidungsszenen. Sie geben Raum und Zeit für das Nachklingen. Sie dienen der (emotionalen) Verarbeitung des gerade Geschehenen oder der Entspannung nach einer Phase der Anspannung. Wie atmosphärische Szenen vermitteln sie primär eine Stimmung.
  • Master Scenes sind die großen Szenen eines Films, die meistens mit einem Haupt-Wendepunkt des Films einhergehen.
  • Pinch-Szenen können an zwei Punkten einer Geschichte auftreten. Nach dem ersten Viertel des zweiten Aktes – also nach etwa 3/8 des Films – stattet die erste Pinch-Szene die Protagonistin mit neuen Informationen aus und macht so den zentralen Konflikt der Geschichte deutlich. Gleichzeitig erinnert er die Protagonistin an die Macht ihrer Gegner – die Protagonistin fühlt sich buchstäblich in die „Zange“ genommen.
    Die zweite Pinch-Szene fungiert quasi als Spiegelung der ersten Pinch-Szene – inhaltlich wie strukturell. Sie findet nach dem dritten Viertel des zweiten Aktes – sprich nach etwa 5/8 des Films – statt und ruft den zentralen Konflikt noch einmal ins Bewusstsein. Gleichzeitig gibt der zweite „Pinch“ eine Ahnung von den Konfrontationen, die noch kommen, und erinnert Protagonist wie Zuschauer wieder daran, was auf dem Spiel steht. Zusammen fungieren die beiden Pinch-Szenen damit als strukturelle „Zange“ eines Films.
  • Eine Übergangsszene ist ein Bit, der lediglich der Verbindung zweier Szenen dient.
  • Die obligatorische Szene ist die Szene, die der Zuschauer unbedingt zu seiner Befriedigung braucht. Meist ist sie der Teil der Klimax, in dem Protagonist und Antagonist aufeinandertreffen, um ihren Konflikt persönlich miteinander auszutragen.

Situation ^

Jede Wendung etabliert eine neue Erzählsituation. Wendungen, die innerhalb einer Szene stattfinden, unterteilen diese in verschiedene Situationen. Bei jeder neuen Situation ändert sich der Status bzw. die Haltung der beteiligten Figuren. Bei starken Wendungen kommt es dabei zu einem Polaritätswechsel oder einer Statusverschiebung der Figuren: Die positive Haltung einer Figur schlägt um ins Negative, während die negative Haltung der anderen Figur ins Positive wechselt. Der hohe Status der einen Figur wird erniedrigt, während gleichzeitig die statusmäßig niedrigere Figur in der Hierarchie aufsteigt. Die Szene kippt. Auf diese Weise verändert sich sowohl die Figurenbeziehung als auch die Szenenführung: Dominierte eine Figur bislang die Szene, so wird sie nach einem negativen Beat in die passive Rolle gedrängt und eine andere Figur übernimmt die Führung. Szenen leben davon, dass die Figuren am Ende der Szene in einer anderen Situation sind wie zu Beginn. Im Idealfall besteht eine möglichst hohe Diskrepanz zwischen der Anfangs- und Endsituation einer Szene.
Jede Situation unterteilt sich wiederum in mehrere Vorgänge bzw. Aktionen:

Vorgang/Aktion ^

Ein Vorgang bildet die kleinste dramatische Einheit einer Geschichte und ist direkt an eine Figur geknüpft. Er bezeichnet eine singuläre, zielgerichtete Aktion. Im Unterschied zu einer Aktivität, die lediglich ein allgemeines Tun, eine Bewegung oder Beschäftigung beschreibt, ist eine Aktion also für die Handlung relevant.
Jeder Vorgang, der sich an oder gegen eine andere Figur richtet, führt zu einer Reaktion und damit zu einem neuen Vorgang. Eine Interaktion generiert also im Ping-Pong-Verfahren stetig neue Vorgänge. Löst ein Vorgang eine (emotionale) Wirkung bei der Zielfigur aus, wird diese oft als Beat bezeichnet:

Beat ^

Für Vorgänge, die eine starke emotionale Wirkung – negativ oder positiv – bei einer Figur erzielen, hat sich mit Robert McKee der Begriff ‚Beat‘ eingebürgert. In seiner negativen Ausprägung stellt ein Beat einen emotionalen Boxhieb, einen Schlag ins Gesicht bzw. einen Stich ins Herz der Figur dar. In seiner positiven Variante lässt ein Beat das Herz der Figur höher schlagen.
Am stärksten wirkt ein Beat, wenn er auf den wunden Punkt einer Figur trifft – im Negativen wie im Positiven –, denn hier ist die Figur am verletzlichsten und empfindlichsten: Hier leidet sie am stärksten, freut sich aber auch am stärksten, wenn sie trotz – oder sogar wegen – ihrer Schwäche gelobt oder sogar geliebt wird.

In jedem Fall sorgen Beats für dynamische Figurenbeziehungen, bei denen sich der Status zwischen der Figur, die einen Beat austeilt, und der Figur, die ihn empfängt bzw. „einstecken“ muss, verändert: Bekommt eine Figur einen negativen Beat, fällt ihr Status. Der Sender des negativen Beats erhebt sich über sie. Bekommt eine Figur dagegen einen positiven Beat, so steigt sie im Gesamtgefüge der Figurenbeziehungen auf.

Further ReadingLiteraturempfehlungen
  • Field, Syd: Screenplay: The Foundations of Screenwriting. 2005. / Das Drehbuch – Die Grundlagen des Drehbuchschreibens. 2007.
  • McKee, Robert: Story: Substance, Structure, Style and The Principles of Screenwriting. New York 1997.
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