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Emotion

Emotion

Emotion
Emotion ist wie Spannung oder Komik eine Wirkung, die mit dramaturgischen Mitteln erzeugt werden kann. Aristoteles bezeichnete sie als Éleos (Jammer).

    Emotionalisierung

    Die drei Schlüsselkategorien zur Emotionalisierung von Handlung sind: Empathie, urmenschliche Bedürfnisse und Werte:

    1. Emotion entsteht nicht, wie oft fälschlicherweise geglaubt wird, indem eine Figur emotional agiert. Die entscheidende Voraussetzung dafür, dass beim Zuschauer Emotionen ausgelöst werden, ist eine empathische Verknüpfung von Figur und Zuschauer.

    2. Träger menschlicher Emotion sind die urmenschlichen Bedürfnisse nach
    – Harmonie, Ausgleich und Gerechtigkeit
    – Entwicklung und Erkenntnis
    – Überwindung von Einsamkeit und Isolation, Zugehörigkeit in einer Gemeinschaft
    – Sinn und Bedeutung.
    Diese entsprechen den Needs der Figuren.

    3. Die archetypischen Bedürfnisse (Needs) drücken sich in Werten aus. Während die Verweigerung von Werten eine starke Wunschentwicklung beim Zuschauer verursacht, erzeugt die Behauptung und die Weitergabe von Werten eine ersehnte Wunscherfüllung. Beide Wirkungen erzeugen Emotion.

    Die Verweigerung eines Wertes vollzieht sich durch Ungerechtigkeit, Ungleichgewicht, unverdientes Leid, unverschuldeten Schaden oder unerwiderte Liebe. Die emotionale Beteiligung des Zuschauers besteht im Herbeisehnen einer (Wieder-)Herstellung des Wertes.
    Die Behauptung von Werten geschieht durch Charaktere, die feste Dispositionen haben und sich nicht davon abbringen lassen. Mit ihrer Haltung strahlen sie emotionalisierende Werte wie Mut, Verbindlichkeit, Ehrlichkeit und unbedingten Willen aus. Sie berühren den Zuschauer, weil sie sich in jeder Situation selbst treu sind und unbeirrbar auch unbequeme Wahrheiten aussprechen.
    Die Weitergabe von Werten erfolgt in zwischenmenschlichen Beziehungen. Durch die Darstellung von Loyalität, Zusammenhalt und gegenseitiger Anteilnahme werden im Zuschauer emotionale Sehnsüchte geweckt. Indem Figuren Nähe zulassen und zwischenmenschliche Beziehungen eingehen, die sich im Verlauf des Films vertiefen, wird der Zuschauer empathisch an sie gebunden. Er fühlt sich mit einbezogen. Dabei machen Gemeinsamkeiten zwischen den Figuren, vor allem auf ideeller Ebene, deren Verbundenheit für den Zuschauer fühlbar.

    Hinter dem wechselseitigen Austausch von materiellen und besonders immateriellen Zuwendungen steht das urmenschliche Bedürfnis nach einer Kultur des Mit- und Füreinanders: Hilfeleistungen, Beistand, Geben und Nehmen, Schenken und Beschenkt werden sind Ausdruck von Eingebundenheit und Integration. Damit verbundene Figuren-Eigenschaften sind Großzügigkeit, Engagement, Selbstlosigkeit und Fürsorge. Der Wunsch nach Zugehörigkeit existiert auf verschiedenen Ebenen: in der Paarbeziehung, der Familie, unter Freunden, in sozialen, ethnischen oder nationalen Gruppen. Je vielfältiger die soziale Einbettung der Figuren ist, desto größer ist das emotionale Potenzial einer Geschichte. Ein interessantes Phänomen stellt in diesem Zusammenhang das Prinzip der sozialen Aufladung dar: So steigert sich der emotionale Gehalt einer Szene, wenn diese durch andere Menschen quasi „bezeugt“ wird. Ein Liebesgeständnis zweier Liebender wirkt beispielsweise auf den Zuschauer emotionaler, wenn dies vor den Augen mitfühlender Menschen geschieht, da sich die Emotion dadurch auf viele überträgt und quasi multipliziert. Die Weitergabe eines Wertes auf einen oder sogar mehrere Menschen löst also Emotionen aus.

    Auf szenischer Ebene manifestieren sich Emotionen in Form von Beats.
    Trifft ein Beat den wunden Punkt einer Figur, so ist ihr emotionaler Ausschlag am stärksten: Er bringt sie dazu, ihre schwächste, verletzlichste, empfindlichste Seite zu zeigen. Die größte emotionale Wirkung offenbart sich jedoch, wenn eine Figur nicht an ihrem wunden Punkt angegriffen wird, sondern trotz oder sogar wegen ihres wunden Punktes geliebt wird. Denn in diesem Augenblick erfüllt sich ihr Need.
    Je mehr Beats – negative, aber auch positive – die Figuren erfahren und im Gegenzug wieder austeilen, desto enger sind die Emotionen des Zuschauers mit ihnen gekoppelt. Um ihre emotionalen Effekt voll entfalten zu können, brauchen Beats emotionale Resonanzräume, in denen sie nachwirken können. Ermöglicht wird dies durch die Schaffung von nachwirkenden Szenen. Diese geben den Figuren die Zeit, ihre gerade empfangenen Beats emotional zu verarbeiten.

      Katharsis

      Unter Katharsis versteht man eine Entladung aufgestauter Emotionen. Sie bildet den emotionalen Höhepunkt eines Films und folgt meist im Anschluss an die Klimax.

      Die Katharsis stellt eine körperliche Reaktion auf die Enthüllung bzw. Entdeckung sowie die Selbsterkenntnis des Protagonisten dar. Im Ausbruch seiner Gefühle erfährt der Protagonist Heilung oder Trost, Erlösung oder Linderung. Doch die Katharsis erfasst nicht nur den Protagonisten, sondern mit ihm den Zuschauer. Dazu müssen beide allerdings empathisch miteinander verknüpft sein. Die kathartische Wirkungsintention besteht also darin, Protagonist und Zuschauer in einem Mitaffekt zu verbinden, so dass sie gemeinsam eine emotionale Läuterung und Reinigung erleben. In diesem Moment emotionaler Wahrheit sind sich Protagonist und Zuschauer so nahe wie nie, sind im besten Falle eins. Im psychologischen Sinne bedeutet die Katharsis eine Befreiung von Angstzuständen oder Traumata, indem das Unbewusste an die Oberfläche geholt wird.

        Further ReadingLiteraturempfehlung

        Zag, Ronald: Der Publikumsvertrag: Drehbuch, Emotion und der „human factor“. Konstanz 2010.


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